Die Evangelische Pfarrkirche St. Johannis in Wernigerode liegt am nordwestlichen Rand der historischen Neustadt und ist in ihrer Gesamtsubstanz die älteste erhaltene Kirche der Stadt.

Im 13. Jahrhundert bildete sich durch Zuzug neuer Bewohner aus den umliegenden Dörfern am Rand der Altstadt eine neue Siedlung – die “Neustadt”. Zur Stadt wurde die Siedlung im Jahre 1410, als ihr durch Graf Heinrich das Stadtrecht verliehen wurde. Die Verwaltung der Neustadt blieb weitgehend eigenständig, bis sich Alt- und Neustadt im Jahr 1529 vereinigten.

Die Johanniskirche wurde als Pfarrkirche dieser neuen Stadt im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts gebaut – noch ganz im romanischen Stil. Am Kirchenbau und der Ausstattung lassen sich die Spuren vieler Jahrhunderte und die Zeugen sowohl katholischen als auch evangelischen Glaubens finden.

Die Johanniskirche erhielt ihren Namen nach Johannes dem Täufer. Wer St. Johannis besucht, tritt unter einer Figur des Johannes durch den Vorbau in das Innere der Kirche, die der regionale Holzkünstler Karl-Heinz Ziomek geschaffen hat. Er hat Johannes als Rufer dargestellt, gemäß den Verheißungen im Buch des Propheten Jesaja. Dort heißt es: „Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg.“ Über dem Portal angebracht ruft Johannes heute die Gläubigen zum Gottesdienst.

Der Bibel nach war Johannes der Täufer der Sohn Elisabeths und des alten Priesters Zacharias. Er lebte als Asket in der Wüste, wo er mit Kamelhaar bekleidet, sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte und eine Schar von Anhängern um sich herum versammelte. Er verkündete am Jordan das Kommen des Messias: Jesus Christus. Johannes rief die Menschen zu einer neuen Lebensführung auf und taufte sie. Johannes taufte auch Jesus im Jordan. Diese Erzählung aus dem Neuen Testament findet sich im Inneren der Kirche an Tafeln des Marienaltars und der Kanzel.

Der Gedenktag von Johannes des Täufers ist der 24. Juni, der Johannistag. In der Regel am darauffolgenden Sonnabend feiert die Kirchengemeinde das Johannisfest als jährliches Sommerfest gemeinsam mit dem Evangelischen Kindergarten.

Die Geschichte der Johanniskirche reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Das südliche Querhaus stammt aus der Entstehungszeit des romanischen Baus. Auf dessen Fertigstellung verweist die Altarweihe durch den Halberstädter Bischof Volrad (1255-96) im Jahre 1279. Vielleicht hängt es mit dem Aufblühen der Siedlung und der Verleihung des Stadtrechts zusammen, dass das basilikale romanische Langhaus zu einer dreischiffigen Halle umgebaut wurde. Die Phase des Um- und Erweiterungsbaues beschließt der spätgotische Chor, auf dessen Vollendung die Jahreszahl 1497 hinweist (unter dem Chorscheitelfenster außen). Eingeritzt auf einem im Turmknopf aufbewahrten Bleiband, hat sich für den Westturm, ein Erneuerungsdatum von 1446 erhalten.

Umfassende Veränderungen fanden im Inneren der Kirche statt und gehen auf eine Restaurierung im 19. Jahrhundert zurück. Im Jahre 1864/65 begann die Erneuerung des Südportalvorbaues, der aus Natursteinen massiv ausgeführt wurde und das uralte hölzerne Portal aufnahm. Die in der Barockzeit entstandenen Emporen und das Gestühl wurden entfernt, die Fenster vergrößert und zusätzliche Dachgauben eingebaut.

Der Holzbildhauer Gustav Kuntzsch sorgte für die neue Ausstattung: Decke und Seitenschiffsverkleidung, das Gestühl und die Westempore zur Aufnahme der neuen Orgel, mit deren Aufstellung im Jahre 1885 die neugotische Restaurierung abgeschlossen wurde. Leider führte der Bombenangriff vom 22. Februar 1944 auch an der Johanniskirche zu Zerstörungen. Betroffen waren das Dach, das Mauerwerk des Chores und sämtliche Fenster, darunter auch die bunt verglasten Fenster des Chores. 1953 konnten Turm und Dach teilweise neu beschiefert werden. Weitere Instandsetzungsmaßnahmen folgten, unter anderem 1970 die Öffnung des zwischenzeitlich vermauerten Westportals und die Sanierung des Turmraumes im Erdgeschoss, der in Anlehnung an die neugotische Kirchenausstattung nun endlich Türen zum Kircheninneren hin erhielt (1992), die weithin sichtbare Erneuerung des Turmdaches 1993 und die Neudeckung der Chordachteile 1994.

Wertvollstes und bedeutendstes Ausstattungsstück der Kirche ist fraglos der vierflügelige Schnitzaltar im Chorraum. Eine Datierung auf der Rückseite weist auf das Entstehungsjahr 1415 hin. Stilistisch weist der Altar auf eine traditionelle Schulung der Meister in Niedersachsen und auch auf böhmische Einflüsse hin. Schnitzer und Maler stehen sich sehr nahe, was auf eine gemeinsame Werkstatt hindeutet. Renovierungen erfolgten in den Jahren 1676, 1690, im 19.Jahrhundert und zwischen 1978 und 1989. Heute präsentiert er sich in einem ausgezeichneten Zustand. Der Altar ist in einer Festtags- und einer Werktagsseite zu sehen.

Die Werktagsseite des Altars zeigt vier Tafelbilder mit Szenen des Marienlebens: die Geburt Jesu, seine Beschneidung im Tempel, die Anbetung der Könige und den Tod Mariens im Beisein der Apostel sowie ihre Aufnahme im Himmel.

Bei Schließung beider Flügelpaare ist die Verkündungsszene und die Anbetung der Hl. Drei Könige zu sehen.

Im Zentrum der Festtagsseite steht Maria als Himmelskönigin mit dem Jesukind, umgeben von vier musizierenden Engeln und weiteren zwei Engeln, die mit Palmwedeln und langem Finger auf sie hinweisen. Fast schwerelos wirkt das von Maria nur mit den Fingern gestützte Kind, das in der rechten Hand einen Apfel hält und mit der linken das Kopftuch Mariens ergriffen hat. In den seitlich angrenzenden Rahmen stehen vier Statuetten: Katharina und Barbara (oben), Petrus und Johannes der Täufer (unten). Seitlich des Mittelschreines sowie auf den Innenseiten der beiden Flügel findet man rechteckige Felder mit Reliefs. Je vier von Ihnen gruppieren sich zu einer thematischen Reihe.

Den Altar bekrönen Heilige Frauen als Halbfigurenreliefs im wimpergförmigen Aufsätzen. Eingefasst werden sie von zwei schildhaltenden Rittern. Zu sehen sind Barbara mit dem Turm, Maria Magdalena mit dem Salbgefäß, eine königliche Kirchenstifterin, Katharina mit Schwert und Rad, Maria mit dem Jesuskind, Apollonia mit Zange und Zahn, Dorothea mit dem Korb, Ursula mit dem Pfeil und eine letzte Heilige, deren Attribut ein vielleicht ein Mond- oder Sonnengesicht ist, vermutet wird eine Schutzpatronin für Frauen in Kindsnöten.

Die Ladegast-Orgel von 1885 ist klanglich wie technisch ein hervorragendes Dokument spätromantischer Orgelbaukunst in Deutschland. Mehr Informationen zur Orgel

Im Chorraum der St. Johanniskirche steht frei in der Mitte der achteckige Taufstein aus dem Jahr 1569, mit einer graugelben Farbfassung des 19. Jahrhunderts.

Zu sehen sind an seinem Schaft neben Pflanzenformen ein Kruzifix, ein Kreuz mit Marterwerkzeugen, die eherne Schlange am Kreuz und ein auferstandener Christus vor dem offenen Grab. Darüber, jeweils getrennt durch stilisierte Pflanzendarstellungen, befinden sich neben einer Darstellung der Taufe Jesu verschiedene Köpfe im Profil.

Das antikische Porträt mit Lorbeerkranz zeigt den Superintendenten der Grafschaft Stolberg-Wernigerode, Georg Aemilius († 1569), der als Dichter den Titel eines »poeta laureatus« führte.

An der Nordseite das Doppelporträt des Stifterehepaares, des Bürgermeisters Thomas Schütze und seiner Gemahlin Anna, geb. Plathner. Ihr Vater, Tileman Plathner, war als Pfarrer und Superintendent von Stolberg Vorgänger des Georg Aemilius. Seiner Verbindung mit Luther ist das an einem Taufstein einmalige Porträt des Reformators zu danken, für das ein Bild Lukas Cranachs als Vorlage diente.

Die Kanzel, die um 1600/1615 zu datieren ist, ist geschmückt mit Roll- und Beschlagwerk sowie anderem Zierrat der nordischen Renaissance. Das Programm wurzelt in protestantischer Tradition, wobei allerdings der einstige Kanzelträger, eine Figur Johannes des Täufers, 1884/85 entfernt und durch eine Säule mit Rankwerk ersetzt wurde.

Am Kanzelkorb finden sich die Reliefs der vier Evangelisten, jeweils sitzend und mit ihren Symbolen gekennzeichnet, in der Mitte Christus als Salvator (=Erlöser). Der Schalldeckel wird bekrönt von dem Auferstandenen Christus, während die Reliefs des Kanzelaufganges neben den traditionellen Motiven der Geburt und Taufe Jesu die alttestamentliche Himmelfahrt des Elias abbilden (der in einer Johanniskirche nicht fehlen darf – vgl. Lk 1,17).

An der Tür mit den zwei ganzfigurigen Porträts Martin Luthers und Philipp Melanchthons erkennt man die Signatur des Wernigeröder Schlossers Jürgen Schunort.

Im August 2016 wurden die neuen Chorfenster in der Johanniskirche eingeweiht. Damit konnte eine der letzten Narben des 2. Weltkriegs geschlossen werden.

Die vom Wernigeröder Künstler Günter Grohs entworfenen Fenster schützen den mehr als 600-jährigen Marienaltar vor UV-Strahlung und bieten zugleich einen würdigen Hintergrund für den „schönsten Altar Sachsen-Anhalts“ (Ministerpräsident Reiner Haseloff)

Fotos: Frank Bilda

Die Weihnachtskrippe wurde vom Wernigeröder Künstler Karl-Heinz Ziomek 1993 geschaffen.

Gedanken des Künstlers während des Entstehens der Weihnachtskrippe: Die dargestellten Figuren könnten auch für Menschen unserer Zeit stehen. Ihre gewählte Position soll die Nähe oder Entfernung vom zentralen Geschehen der Christgeburt symbolisieren. So auch die Wahl des Holzes, dessen Farbton (Eiche bis Linde) zum Zentrum hin aufhellt.

Adresse, Anfahrt, Öffnungszeiten

Pfarrstr. 24, 38855 Wernigerode. Parkmöglichkeit: Neuer Markt (kostenpflichtig)

Im Winterhalbjahr von Erntedank bis April sind unsere Kirchen leider nicht regelmäßig zur Besichtigung zugänglich. Wir laden Sie herzlich zur Teilnahme an den Veranstaltungen in unseren Kirchen ein!

Routenplaner (externer Link zu Googlemaps)